Man spricht doch gerne über etwas, was einem Spaß macht: Vier Berliner Studenten interessieren sich für die Gemeinschaft rund um den Fiat 500

Sonntag, erster März, 18 Uhr.
Wie gewohnt sitzt eine Gruppe Fiat 500 Fans am großen Tisch in der Pizzeria Marcello in Friedenau. Es ist der erste Sonntag im Monat, der Termin ist Routine, viele sind gekommen und damit ist alles normal. Außerdem ist die neue Fettpresse da, und alle wollen sie haben. Zunächst fällt kaum jemandem auf, dass am Nebentisch eine Gruppe junger Männer sitzt, die auch Interesse an der neuesten Auflage äußern. Bei den besonders gut Informierten hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits herumgesprochen, dass die vier nicht ganz zufällig da sind.

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„Wir wollten einfach mal sehen, was das so für Leute sind.“ sagt Martin G. später und fügt hinzu „Wir waren sehr positiv überrascht!“ Mit dem ersten vorsichtigen Beschnuppern beginnt für die Studenten ein umfangreiches Projekt. Im Rahmen ihres Studiums der Soziologie an der Technischen Universität Berlin betreiben die vier ein Forschungsprojekt. Das Thema heißt „Markenkultur und Markengemeinschaft“ und befasst sich mit Automobilität. Dabei stellen Richy, Martin G., Nils und Martin S. nur eine von insgesamt acht Gruppen dar, die sich „ins Feld“ begeben, um ihre Aufmerksamkeit auf Auto­clubs zu fokussieren. Bis Frühjahr 2010 soll in den acht parallel ablaufenden Projekten ein in der sozialwissenschaftlichen Forschung wenig beachtetes Themenfeld bearbeitet werden. „Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Gemeinschaften wie die Dorfgemeinschaft, Vereine oder die Familie für viele Menschen die wichtigsten Bezugspunkte,“ beschreibt Nils den Trend der Moderne, „doch auch im Zuge von Individualisierung bleibt der Mensch nicht allein. Neue Formen von Gemeinschaft werden wichtig.“ Solch neue Formen von Gemeinschaft sind häufig nicht mehr geographisch an einen Ort gebunden, sondern kommunizieren auch online oder themenspezifisch, entrückt von Raum und Zeit. Im Zentrum des Interesses steht hier meist ein gemeinsames Thema, Autos sind nur ein Beispiel unter vielen. „Uns war bei der Suche wichtig, die beteiligten Menschen vor Ort zu haben.“ erklärt Martin S. und umreisst, warum die Wahl der zu untersuchenden Gemeinschaft  ausgerechnet auf panini radente fiel. „Hinzu kam natürlich dass wir keine Lust hatten, uns von irgendwelchen Tuning-Freaks auf einem Parkplatz erklären zu lassen warum ihr Subwoofer den besten Bumms hat.“ Mit der Entscheidung, sich auf einen Fiat 500 Club zu konzentrieren ist er mehr als zufrieden. Wie sich schnell herausstellte, sind die Fahrer/innen des kleinen italienischen Autos sehr aufgeschlossen gegen­über Fragen rund um die Gemeinschaft. Richy kann das gut verstehen: „Man spricht doch gerne über etwas, was einem Spaß macht.“


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Neben der Frage nach dem Stellenwert des Fiat 500 stellt sich die Frage nach den gemeinsamen Vorstellungen von diesem Auto und den spezifischen Eigenschaften der Gemeinschaft rund um die "Knutschkugel" herum. Wie aus der sozialwissenschaftlichen Konsumforschung bekannt, ist die Auswahl eines Autos, wie die vieler anderer Konsumgüter, selten völlig zufällig. So wurde 2006 in einer amerikanischen Studie zum Schwarzenegger-Auto, dem Hummer H2, herausgefunden, dass der Wagen nicht selten als "vehicle of the self" angesehen wird. Martin S. erklärt: „Damit, welches Auto man fährt, sagt man viel über seinen Lebensstil aus. Natürlich ist das beim Hummer H2 ein anderer als beim Fiat 500.“ Mit einer Beschreibung von Zusammenhängen zwischen Auto und Lebens­stil hört die Arbeit für die vier Soziologen noch lange nicht auf. „Das ist typischerweise Marktforschung. Soziologie wäre eher als Grundlagenforschung dazu zu sehen. Wir wollen wissen, was dahinter steckt.“ Und so brüten die vier seit einiger Zeit über kompli­zierten theoretischen Konzepten und überlegen, wie man diese Konzepte am besten mit Leben füllt. Dass bei Marcello am ersten Sonntag im Monat jede Menge höchst interessantes Leben zu finden ist, davon waren die vier bereits am ersten März sofort überzeugt.

geschrieben von Martin Sauer