Seitdem der Mensch die Erde bevölkert lebt er mit anderen Menschen zusammen. Menschen haben von allen Lebewesen die vielfältigsten Arten des Zusammenlebens ausgebildet. Familien, Clans, Unternehmen, Religionsgemeinschaften, Staaten, Vereine, Ehen und unzählige Arten mehr. Die Soziologie untersucht diese Typen in einer wissenschaftlichen Art und Weise. Oft werden hier Typisierungen vorgenommen und die Merkmale eines jeden Typen herausgestellt. Was unterscheidet zum Beispiel einen Sportverein von einer Religionsgemeinschaft? Lassen sich in beiden Gruppen vielleicht sogar Parallelen feststellen? Um dies herauszufinden führt der Soziologe oder die Soziologin empirische Studien durch, oft in Zusammenarbeit mit anderen Forschern.
Gemeinschaft wird oft als eine spezielle Form der Gruppe beschrieben. Wie diese aussieht, darüber hat man sich seit Gründung der Disziplin Gedanken gemacht. An dieser Stelle sollen in aller Kürze die Ansichten zweier Gründungsväter der Soziologie dargestellt werden, Ferdinand Tönnies und Max Weber.

In unserem Lehrforschungsprojekt "Markengemeinschaft und Markenkultur" steht eine besondere Form von Gemeinschaft im Vordergrund, die Markengemeinschaft. Doch was ist eine Gemeinschaft? Ferdinand Tönnies (1891-1952) entwickelte hierauf die erste soziologische Sichtweise. Das Buch "Gemeinschaft und Gesellschaft" (1887) gilt heute als das erste soziologische Buch in deutscher Sprache. Gemeinschaften sind von engem Kontakt der Mitglieder untereinander gekennzeichnet, sogar "von der vollkommenen Einheit menschlichen Willens als einem ursprünglichen oder natürlichem Zustand", trotz individueller Unterschiede. Tönnies unterscheidet die Gemeinschaft des Blutes (die Familie), die Gemeinschaft des Ortes (Nachbarschaft) und die Gemeinschaft des Geistes (Freundschaft). Diese unterscheiden sich in ihren Formen des gemeinsamen Tuns und des gemeinsamen Besitzes.. Demgegenüber stellt Tönnies die Gesellschaft. Diese zeigt sich seiner Ansicht nach in der Großstadt am deutlichsten. Sie ist von unpersönlichen Umgang miteinander geprägt und wenn es Beziehungen gibt, sind diese "bewußt gewollt". Tönnies formulierte auf Basis dieser Begrifflichkeiten eine Kulturkritik der Moderne. Er selber favorisierte die Gemeinschaft als Form einer "ursprünglichen" Sozialität und kritisierte die Gesellschaft als kalten, unpersönlichen Ort der bürgerlichen Welt.

Doch ist diese Form der Wertung angemessen? Max Weber (1864-1920) formulierte das Gebot der "Wertfreiheit" die gerade auch für die Soziologie gelten sollte. Solche Wertungen wie bei Tönnies lehnt er ab. In seinem Opus Magnum "Wirtschaft und Gesellschaft" fand sich die Gemeinschaft in Form der Vergemeinschaftung wieder. Diese fasste er als eine "subjektiv gefühlte (affektuelle oder traditionale) Zusammengehörigkeit der Beteiligten" auf. Also ist das subjektive "Gemeinschaftsgefühl" entscheidend für die Gruppen, ja sie besteht praktisch nur aus dieser.
Im Laufe der Moderne wurden Dorfgemeinschaften und ähnliches in Deutschland immer seltener, das Leben spielte sich größtenteils nicht mehr in gemeinschaftlichen Großfamilien ab. Der soziologische Begriff von Gemeinschaft veränderte sich. Ob die Gemeinschaften verschwanden, sich ihre Formen wandelten oder immer die gleichen Muster geblieben sind, das sind wichtige Fragen für die Auseinandersetzungen innerhalb der Soziologie. Fest steht, dass Gemeinschaften in den letzten Jahren wieder stärker in der Soziologie thematisiert werden, oft in Verbindung mit Theoretikern die sich der Post- und/oder späten Moderne verpflichtet fühlen. Bei aller Theorie ist eines sicher: Ohne die empirische Forschung ist diese Frage nicht zu beantworten.
geschrieben von Nils Döring