Ein Jahr lang, von März 2009 bis März 2010, begleiteten die vier Berliner Studenten Martin, Richy, Martin und Nils das Leben der Fiat 500 Szene. Oft waren sie beim Berliner Stammtisch anzutreffen. Darüber hinaus besuchten sie im letzten Jahr auch Treffen. Nachdem ihr Projekt abgeschlossen ist, stehen sie noch einmal Rede und Antwort über ihre Arbeit.

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Ihr habt euch ein ganzes Jahr lang mit der Fiat 500 Szene beschäftigt. Warum? Wie muss man sich das als Außenstehende(r) vorstellen?

Hintergrund war unsere Teilnahme an einem so genannten Lehrforschungsprojekt. Ziel des ganzes war es, während des Studiums einmal „vor Ort“ selbstständig an einem Fall zu arbeiten, der uns zuvor völlig fremd war. Zu Beginn war nur klar dass es um eine Gemeinschaft gehen sollte, deren gemeinsames Interesse ein bestimmter Autotyp ist.

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Warum fiel die Wahl auf den Fiat 500?

Wie sich bereits bei einer Vorrecherche im Internet klar abzeichnete, ist die Fiat 500 Szene etwas anders gestrickt als zum Beispiel die verschiedenen Opel-Gangs. Wie sich nach den ersten Kontakten bestätigte, treffen hier wirklich umgängliche Leute aufeinander. Die freundliche Art des Umganges hat uns die ganze Zeit über fasziniert.

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Worin bestand euere Forschungsarbeit?

Im Zentrum unseres Vorgehens stand die so genannte „Teilnehmende Beobachtung“. Wie der Name schon sagt, haben wir also teilgenommen und beobachtet: An Stammtischen genauso wie an Treffen, wir waren 2009 bei zweien dabei. Darüber hinaus haben wir vier Interviews geführt. Außerdem hat sich im Lauf der Zeit eine weitere ziemlich interessante Gelegenheit zur „Datenerhebung“ ergeben: Eine Gastwissenschaftlerin am Institut für Soziologie führte Online-Interviews in verschiedenen „Automobilen Markengemeinschaften“ durch. Wir konnten ihren Fragebogen leicht angepasst auch in der Fiat 500 Szene anwenden. Viele Leute haben den Fragebogen ausgefüllt.


Ihr versteht euch als Soziologen. Was bedeutet das für eueren Anspruch an diese Arbeit?

Unser Ziel war es, einen speziellen Bereich der eigenen Kultur zu beschreiben. Dabei haben uns einerseits die erwähnten Methoden geholfen, andererseits ein theoretischer Background. Soziologen fragen zwar, was im Menschen vorgeht, wie etwa Sinn erzeugt wird. Dabei fokussieren sie sich allerdings nicht wie etwa Psychologen darauf, was im einzelnen Gehirn vor sich geht, sondern darauf, wie durch Interaktion und Kommunikation sozialer Sinn erzeugt wird.

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Was genau war die Fragestellung, mit der ihr die Fiat 500 Szene „erforscht“ habt?

Wir haben uns die Frage gestellt, was der „spezifisch gemeinschaftlich geteilte Sinnhorizont“ der Fiat 500 Szene ist. Bei der Beantwortung dieser Frage hat sich herausgestellt, dass es am einfachsten ist, dieses Phänomen darüber zu beschreiben, was für die Fiat 500 Welt typisch ist: Gesprächsthemen natürlich, aber auch Kommukationsformen und die typischen Orte. Die Fiat 500 Szene unterscheidet sich von der Golf GTI-Szene eben nicht nur darin, wieviel Kubikzentimeter der Motor hat.

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Was sind sonst noch Ergebnisse euerer Arbeit?

Wir haben festgestellt, dass die immer wieder gefallene Bezeichnung als Szene auch als soziologische Kategorie sehr sinnvoll ist. In der Literatur taucht der Begriff seit den 90er Jahren immer wieder auf, seit einiger Zeit beschreibt er genau das was wir hier vorfinden: Eine überregionale Gruppe von Menschen, deren Existenz darauf beruht, dass sich Menschen zugehörig fühlen und das einander auch zeigen, zum Beispiel durch Aufkleber auf ihrem Auto. Die Zugehörigkeit basiert nur auf der Teilhabe. Teilhabe ist völlig freiwillig und die Gruppe verfügt nicht über die Möglichkeit, abweichendes Verhalten oder „falsche Benutzung“ von Symbolen zu sanktionieren. Die Grundlage sind nicht gemeinsame Werte wie in einer Religionsgemeinschaft, sondern gemeinsame Interessen. Das Leben solch eines Ausschnitts unserer Kultur beruht nur darauf, dass Menschen sich einfach gerne treffen, einander helfen und viel über ihr gemeinsames Thema miteinander sprechen. Sie müssten das nicht tun und könnten genauso gut etwas anderes mit ihrer Freizeit anstellen. Damit passt das Phänomen wunderbar in unsere Zeit. Dieses Gefühl des „dazu gehörens“, man kann auch Gemeinschaft dazu sagen, ist zwar das gleiche wie früher, basiert aber eben auf anderen Mechanismen als zu Zeiten unserer Urgroßeltern oder auch noch zu der Zeit, als der Fiat 500 als Neuwagen erhältlich war.

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Gibt es die Möglichkeit, diese Ergebnisse ausführlicher nachzulesen?

Die Fiat 500 Freunde waren sehr offen zu uns und haben uns auf jede Frage eine Antwort gegeben. Wer schon einmal eine Frage nach einem technischen Problem im Forum gestellt hat kennt das sicherlich. Auch wir wollen möglichst offen mit unserer Arbeit umgehen. Deshalb haben wir den 80-seitigen Bericht, wir als Abschluss unseres Projekts abgegeben haben, als pdf-Datei zur Verfügung gestellt. Auf der Seite finden sich außerdem einige statistische Angaben über die Fiat 500 Begeisterung von insgesamt 74 Befragten.

geschrieben von Martin Sauer